Radiologie im Kampf gegen CoViD-19 – Den Betrieb aufrecht erhalten

Radiologie im Kampf gegen CoViD-19 – Den Betrieb aufrecht erhalten

Thorax-Röntgen am Krankenbett, Befundung zuhause, umgenutztes PET/CT – die radiologischen Abteilungen zweier großer Unikliniken organisieren sich in der Hochphase der Pandemie neu. Berichte aus Paris und Barcelona in Teil 3 der Vortragsreihe über ESR Connect.

  • Präsentationstag:
    08.04.2020 2 Kommentare
  • Autor:
    mh/ktg
  • Sprecher:
    Marie-Pierre Revel, Universität Paris Descartes; Marcelo Sanchez Gonzalez, Universität Barcelona
  • Quelle:
    ESR Connect 2020

Handlungsempfehlungen von ESR und ESTI veröffentlicht

Die European Society of Radiology (ESR) und die European Society of Thoracic Imaging (ESTI) haben Empfehlungen veröffentlicht, wie radiologische Abteilungen in der gegenwärtigen Pandemie verfahren können. Diese Themen werden auf wenigen Seiten übersichtlich behandelt:

  • die wichtigsten Bildgebungszeichen von CoViD-19
  • welche PatientInnen mittels CT untersucht werden sollten
  • Schutzmaßnahmen für das Personal
  • Organisation radiologischer Abteilungen
  • systematische Befundung des Lungenparenchyms bei CoViD-19-Verdacht

Das Paper ist ab sofort verfügbar unter www.myesr.org.

Bericht von der Universität Paris Descartes

Erstautorin der oben genannten Empfehlungen ist Marie-Pierre Revel, Thorax-Radiologin am Cochin Hospital der Universität Paris Descartes. Von dort berichtete Revel, wie sich die diagnostische Bildgebung aktuell organisiert hat.

Aktuelle Situation

Am 4. April waren dort 106 CoViD-19-PatientInnen stationär aufgenommen, 67 auf der Intensivstation. Die Zahl der Intensivbetten wurde in den vergangenen Wochen auf inzwischen 90 verdreifacht. Insgesamt wurden bislang rund 500 CoViD-19-PatientInnen behandelt.

Thorax-Röntgen (CXR) am Krankenbett

Die Zahl der CXR am Krankenbett war zunächst stark angestiegen. Um zu verhindern, dass mehr PatientInnen als erforderlich ein CXR erhalten, muss ein erfahrener Arzt/Ärztin die Anforderung bestätigen. So wurde die Zahl der CXR von 150 auf 63 pro Woche reduziert. „Die CXR ist vor allem dann hilfreich, wenn zusätzliche Infektionen auftreten“, so Revel.

Für das CXR am Krankenbett steht auf jeder Intensivstation ein Gerät exklusiv zur Verfügung. Mehrere MTRAs sind ausschließlich für diese Aufgabe abgestellt. Die Untersuchungszeit beträgt etwa 20 Minuten inklusive Aus- und Anziehen der/des Kranken und damit etwa das Zwei- bis Dreifache gegenüber sonst.

Die Untersuchungen finden in zwei Runden täglich statt. Das spart Zeit, weil die Wege zwischen den unterschiedlichen Gebäuden kurz gehalten werden. Und auf den Stationen können die ÄrztInnen sich darauf verlassen, so dass sie auch bei dringenderen Fällen außerhalb dieses Turnus’ keine zusätzlichen CXR anfordern müssen.

Computertomographie

Ein CT-Scanner, der nahe an der Notaufnahme gelegen ist, steht exklusiv für die CoViD-19-PatientInnen zur Verfügung. Von etwa 90 eingewiesenen PatientInnen pro Tag erhalten 30-35 eine CT.

Über eine eigene Telefonnummer werden die Untersuchungen angefordert und organisiert. So lassen sich Wartezeiten vermeiden. Im Untersuchungsraum bleibt ein/e MTRA beim Patienten. Instabile PatientInnen erhalten keine CT.

Für die Versorgung von PatientInnen aus einem separaten Gebäudeteil wurde das dort vorhandene PET/CT umgenutzt. Die Genehmigung dafür wurde kurzfristig erteilt, um weite Krankentransporte zu vermeiden: Die CT-Einheit wird nun nachmittags für CoViD-19-PatientInnen genutzt, das gesamte PET/CT vormittags weiterhin für onkologische PatientInnen. Für dringende CoViD-19-Fälle gibt es ein zusätzliches Zeitfenster am sehr frühen Morgen. Das radiologische Personal am PET/CT-Standort wurde eigens auf die für sie ungewohnten Untersuchungen geschult.

Den Betrieb für andere Indikation aufrecht erhalten – Onkologie und Notfälle

Vorrang für die CT-Bildgebung jenseits von CoViD-19 haben onkologische PatientInnen und Notfälle. Zwei RadiologInnen sichten die planbaren Anforderungen und planen die jeweils kommende Woche.

Ohne Verzögerung finden diese onkologischen Untersuchungen statt:

  • Initiales Staging
  • Follow-Up unter Chemotherapie
  • Untersuchungen bei Rezidivverdacht

Systematische Evaluationen nach Remission werden dagegen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Für Notfälle ohne CoViD-19-Verdacht steht eine eigene Telefonnummer zur Verfügung. Rund um die Uhr hält sich ein Radiologe ausschließlich für solche Fälle bereit.

Personal-Organisation – Befundung von zuhause

Die Anzahl der MitarbeiterInnen vor Ort wurde deutlich reduziert. Das betrifft neben Verwaltungsangestellten auch RadiologInnen, die vermehrt vom heimischen Rechner aus befunden. Die entsprechenden Datenverbindungen konnten sehr schnell aufgebaut werden.

Personal-Organisation – Multidisziplinäre Fallbesprechungen

Online konferieren Innere Medizin und Radiologie um zu klären, für welche PatientInnen Bildgebung nötig ist.

Face-to-Face-Besprechungen gibt es für onkologische Fälle. Von jeder Fachdisziplin ist jeweils nur eine Person vertreten, die TeilnehmerInnen halten einen Abstand von einem Meter zueinander.

Interne Kommunikation

„Kommunikation ist das A und O“, sagte Revel. Alle Entscheidungen aus der täglichen Krisenbesprechung gehen sofort per E-Mail raus an alle KollegInnen. Außerdem gibt es für das Personal täglich eine Zusammenfassung der wichtigsten Studien, die ein zentraler Dienst der Pariser Unikliniken bereitstellt. „Man kann nicht alles selbst lesen, und gerade für die nicht-radiologischen Aspekte von CoViD-19 ist das für uns wichtig“, so Revel.

Bericht von der Universitätsklinik Barcelona

Marcelo Sanchez Gonzalez ist Radiologe an der Universität Barcelona. Dort werden – Stand 8.4.2020 – an verschiedenen Standorten 945 CoViD-19-PatientInnen stationär versorgt. Die zwölf Intensivstationen versorgen derzeit 98 CoViD-19-PatientInnen.

Thorax-Röntgen (CXR) am Krankenbett

Die Thorax-Röntgen-Untersuchungen (CXR) von stationär versorgten CoViD-19-PatientInnen erfolgen ausnahmslos am Krankenbett. Dafür wurden drei neue Geräte angeschafft und zusätzliches Personal angestellt. RadiologInnen aus allen Subdisziplinen befunden inzwischen CXR-Bildgebung.

Die Zahl der CXR am Krankenbett ist über die letzten Wochen von etwa 80 auf bis zu 180 Untersuchungen pro Tag gestiegen, die der regulären CXR stark zurückgegangen.

Auch die Sonographie bei CoViD-19 erfolgt nur noch am Krankenbett. Ein Ultraschallgerät steht ausschließlich für diese Patientengruppe zur Verfügung.

Computertomographie

Für stationäre CoViD-19-PatientInnen gibt es einen eigenen CT-Scanner.

Die wichtigsten Indikationen für die Thorax-CT bei CoViD-19 sind:

  • Klinischer Verdacht bei negativem PCR-Test und unklarem CXR
  • Beurteilung lang anhaltender Krankheitsverläufe zur Entscheidung Operation oder Steroid-Behandlung
  • Ausschluss einer Lungenembolie

Chirurgische Non-CoViD-19-PatientInnen

Bei Non-CoViD-19-PatientInnen, deren OP nicht verschoben werden kann und für die eine abdominelle CT vorgesehen ist, wird gleich eine Thorax-CT mit angeschlossen. Kann die Operation noch warten, erfolgen ein PCR-Test und ein CXR.

Workload und Home Office

Die regulären Arbeiten in der Radiologie wurden um 70-80% reduziert. Planbare Untersuchungen werden bis Ende April aufgeschoben. Dafür werden alle Anforderungen unter die Lupe genommen und nach Dringlichkeit klassifiziert. Onkologische PatientInnen und Notfälle werden weiterhin versorgt.

Befundung wie auch interdisziplinäre Fallbesprechungen finden, soweit möglich, digital statt. Gearbeitet wird an den Bildschirmen, die die KollegInnen zuhause verfügbar haben. Von den normalen Anforderungen hinsichtlich Bildschirmauflösung macht man eine Ausnahme.

Arbeit in getrennten Teams

  • Für die Notfall-Versorgung wurden separate Teams zusammengestellt.
  • In jede der drei Abteilungen ist in der Kernzeit von 8:00 bis 16:00 ein/e Radiologe/Radiologin vor Ort, die anderen befunden von zuhause aus.
  • Für die vaskuläre und interventionelle Radiologie wurden mehrere Teams aus RadiologInnen und Pflegepersonal zusammengestellt. Sollte in einem Team eine Infektion auftreten, kann ein anderes Team einspringen.
  • Auch die MTRAs arbeiten in getrennten Teams jeweils nur für eine Bildgebungsmodalität. Wöchentlich erfolgt eine neue Aufteilung. Dasselbe gilt für die Pflegeteams.

Schutz des Personals

  • Alle CoViD-19-PatientInnen tragen Atemschutzmasken.
  • MTRAs tragen bei allen Untersuchungen und Prozeduren eine chirurgische oder FFP2-Maske.
  • Die CT-Scanner erhalten stündlich eine Oberflächenreinigung mit Natriumhypochlorit.
  • In der Stroke-Unit werden alle Patienten als potenzielle CoViD-19-PatientInnen behandelt.

Aus dem Chat – Häufigkeit von Lungenembolien (LE) und Abszess

In Barcelona liegt die LE-Inzidenz bei 30%.

Von 900 in Paris durchgeführten CT-Untersuchungen bei CoViD-19 erfolgten 91 mit LE-Protokoll – entweder weil unklar war, ob es sich um CoViD-19 oder LE handelte, oder weil sich bei schon hospitalisierten CoViD-19-PatientInnen das klinische Bild verschlechterte. Die LE-Prävalenz lag bei 24%.

Revel/Paris: Fälle mit bestätigter LE

  • zeigen erhöhten D-Dimer-Spiegel von rund 6,0 mg/l
  • werden häufiger beatmet
  • haben ein höheres Lebensalter

Bei erhöhtem D-Dimer (Gonzalez: ab 3,0 mg/l) sollte eine kontrastverstärkte CT erfolgen.

„Interessanterweise unterscheidet sich bei diesen Patienten mit Lungenembolie aber die Ausdehnung der Erkrankung nicht nennenswert von der bei Patienten ohne Lungenembolie“, sagte Revel.

Abszessbildung haben weder Revel noch Gonzalez bisher bei CoViD-19-PatientInnen beobachtet.

 

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