Ultraschall-Handscanner gegen Menschenhandel

Ultraschall-Handscanner gegen Menschenhandel
Der Ultraschall-Handscanner „PRIMSA“ im Einsatz (© Fraunhofer IBMT)

Ein mobiler Ultraschall-Handscanner hilft bei illegalen Grenzübertritten Minderjährige zu identifizieren. Sein Einsatz dient der Aufdeckung, Bekämpfung und Prävention von Menschenhandel.

  • Datum:
    06.11.2017
  • Autor:
    R. Möhlmann (mh/ktg)
  • Quelle:
    Fraunhofer-Gesellschaft

Menschenhandel, oft in Verbindung mit sexueller Ausbeutung, ist ein massives internationales Problem. Die Opfer dieses Verbrechens sind nicht selten minderjährige Mädchen und Jungen, bei denen Schleuser an den Grenzen mit gefälschten Ausweisdokumenten Volljährigkeit vortäuschen. Im Rahmen des multidisziplinären Forschungsprojekts „Prävention und Intervention bei Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung“ (PRIMSA) entwickelt das Fraunhofer IBMT einen mobilen Ultraschall-Handscanner zur raschen Identifizierung minderjähriger Opfer von Menschenhandel.

Aktuell kann eine Minderjährigkeit medizintechnisch jedoch nur mittels Knochenaltersbestimmung auf Basis ionisierender Röntgenstrahlung nachgewiesen werden. Da der Einsatz solcher Strahlung eine invasive Untersuchungsmethode darstellt, bedarf diese eines richterlichen Beschlusses und wird in der polizeilichen Praxis jedoch entsprechend nur selten auf Basis eines vorläufigen Verdachts durchgeführt.

Volljährigkeit gezielt mit Ultraschall-Messtechnik bestimmen

„Das von uns entwickelte PRIMSA-Handscanner-System ermöglicht die Bestimmung der Volljährigkeit durch mobile Ultraschallmesstechnik und kann nicht-invasiv und effizient ohne richterlichen Beschluss bei jedem Verdachtsfall angewandt werden“, erläutert Dr. Holger Hewener, Fraunhofer IBMT. „Die voranschreitende Knochenbildung am menschlichen Handgelenk ersetzt mit fortschreitendem Alter der zu untersuchenden Person die sogenannten Wachstumsfugen durch Knochen. Hier setzen wir an: Unser System misst und analysiert die Schallgeschwindigkeit einer Ultraschallwelle durch unterschiedliche Verknöcherung von Handgelenksknochen oder Wachstumsfugen.“

Die für die Bestimmung der Volljährigkeit relevanten Knochenmerkmale an Radius und Ulna bilden sich bei Frauen vollständig im Alter von 14 bis 17 bzw. 16 bis 18 Jahren aus, bei Männern im Alter von 16 bzw. 17 bis 20 Jahren. Insbesondere bei Frauen ist die Bestimmung dieser Verknöcherung dementsprechend ein signifikantes Indiz für das Erreichen der Volljährigkeit.

„In der Anwendung als schnelles, mobiles Screening-Verfahren kann die Nutzung unseres Geräts mit dem Atemalkoholtester bei Verkehrskontrollen verglichen werden“, erklärt Hewener. „Die Messmethode ist zwar zunächst gerichtlich nicht verwertbar, kann jedoch einen ersten Verdachtsfall bestätigen, der die Anwendung weiterer Messmethoden erforderlich macht – vergleichbar mit der Blutabnahme und Blutalkohol-Analyse bei Straßenverkehrsdelikten.“ Der Ultraschall-Handscanner soll den Behörden somit ein zusätzliches Instrument an die Hand geben, um einen aufkommenden Verdachtsfall auf Zwangsprostitution Minderjähriger zu bestätigen und schneller eine richterlich verwertbare Röntgenuntersuchung zur exakten Altersbestimmung zu erwirken.

Ampelsystem für einfache Bedienung

Technisch realisiert wurde die Lösung mit einer handgehaltenen, einkanaligen und kostengünstigen Ultraschall-Hardware, die während der Messung das Handgelenk umfasst. Sie überträgt die Messdaten über eine Funkschnittstelle zur Verarbeitung und Analyse direkt an ein verbundenes mobiles Endgerät – beispielsweise ein Smartphone oder ein Tablet. Das Ergebnis der Analyse erhält der Anwender direkt auf seinem Bildschirm über eine einfach verständliche Grafik: Eine Farb-Ampel signalisiert, ob sich ein Verdachtsfall erhärtet oder mindert. Zur Bedienung und Auswertung ist keine spezielle Ausbildung notwendig: Die Analyse und Übersetzung der Messwerte wird durch intelligente Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens mit angelerntem Fachwissen direkt in der dazugehörigen App durchgeführt.