Systematische Befundungsfehler durch verzerrte Kognition

Systematische Befundungsfehler durch verzerrte Kognition

Kognitive Fehlleistungen können zu falschen Diagnosen führen. Sie sind jedoch vorhersehbar und können durch vorausschauende Handlungen und strukturierte Befundung vermieden werden.

  • Datum:
    06.02.2019 2 Kommentare
  • Journal:
    AJR 2018;210(5):1097-1105
  • Titel:
    Heuristics and Cognitive Error in Medical Imaging
  • Autor:
    Itri JN, Patel SH
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Heuristik in der radiologischen Befundung

Als Heuristiken bezeichnet die Psychologie verkürzte kognitive Operationen, die der Mensch häufig unbewusst anwendet, um zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Auch RadiologInnen verlassen sich auf heuristische Prinzipien, um Wahrscheinlichkeiten abzuwägen und Vorhersagen zu treffen. Im Allgemeinen ist dies für die Bildbefundung hilfreich, kann aber zu Fehlurteilen führen.

Laut Literatur sind geschätzte 60-80% aller radiologischen Fehldiagnosen auf systematische Wahrnehmungsfehler bei der Befundung zurückzuführen. Jason N. Itri, Wake Forest Baptist Medical Center, Winston-Salem, NC, und Sohil H. Patel, University of Virginia Health System, Charlottesville, VA, USA, erläutern verschiedene Heuristiken bei der radiologischen Befundung und diskutieren Ansätze zur Fehlervermeidung.

Verfügbarkeitsheuristik (engl.: availability bias)

Die BefunderInnen gewichten ihre eigenen, ihnen sofort zur Verfügung stehenden Erfahrungswerte stärker als ihnen nicht sofort zugängliche Erfahrungen. Itri und Patel raten zum Blick über den Tellerrand – Publikationen und/oder die Zweitmeinung von KollegInnen können weiterhelfen.

„Mitläufereffekt“ (engl.: alliterative bias)

Die Befundung von KollegInnen beeinflusst RadiologInnen bei ihrer Diagnose. Es gilt, die Beurteilung und Diagnosestellung anderer sorgfältig zu überprüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Ankerheuristik (engl.: anchoring bias)

Die RadiologInnen lassen sich bei der Befundung zu sehr von ihrem ersten Eindruck leiten. Sie sollten jedoch alle bildgebenden Befunde gleichwertig zur Diagnose heranziehen.

Framing Effekt und Attributionsfehler (engl.: framing bias, attribution bias)

Die Befundung wird durch die beiliegende Krankengeschichte und/oder den genannten Untersuchungsgrund beeinflusst. Gut wäre, die Bildbefundung zunächst ohne diese zusätzliche Informationen durchzuführen, um dann auf genauere Angaben zurückzugreifen, wie sie etwa in der elektronischen PatientInnenakte stehen.

Verzerrungsblindheit (engl.: blind spot bias)

Die BefunderInnen mögen sich nicht wahrgenommener Details oder Fehler im Prinzip bewusst sein, sie erkennen ihre eigenen Fehlleistungen jedoch nicht. Hier können strukturierte Befundungsvorlagen helfen, die Aufmerksamkeit auf die eigenen „blinden Flecken“ zu lenken.

Selektive Wahrnehmung (engl.: regret bias)

Die BefunderInnen übersehen eine offensichtliche, aber unerwartete Anomalie. Auch hier helfen strukturierte Befundungsvorlagen.

„Wunschdenken“ (engl.: satisfaction of search bias)

Die Bildbefundung wird vorschnell beendet, nachdem Belege gefunden wurden, die die Symptome der PatientInnen erklären. Mit strukturierter Befundung könnten diese vorschnellen Diagnosen verhindert werden.

Rückschaufehler (engl.: hindsight bias)

Das Bewusstsein spielt den BefunderInnen einen Streich: Sie glauben, sie hätten die Diagnose bereits korrekt vorhergesehen, nachdem das Krankheitsbild bestätigt wurde. Auch hier nützt eine nachvollziehbare Befundungskultur.

Ignoranz der Scout-Bilder (engl.: scout neglect bias)

BefunderInnen erwarten nicht, dass Scout-Bilder diagnostisch verwertbar sind. Darunter könnte die diagnostische Gesamtgenauigkeit leiden. Auch Scout-Bilder sollten zur Befundung herangezogen werden.

Fazit

Diagnosefehler entstehen häufig durch die fehlerhafte Anwendung heuristischer Prinzipien. Ein bewusster und strukturierter Diagnoseprozess hilft, Fehler zu vermeiden.

biho/ktg
06.02.2019

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