RöKo 2019 – MRT: Wie gefährlich sind Implantate?

RöKo 2019 – MRT: Wie gefährlich sind Implantate?

Implantate gehören in der MRT zweifellos zu den unbeliebteren Gegenständen. Denn sie können im Zuge einer Untersuchung beträchtliche Probleme verursachen – von Artefakten bis hin zu für Patienten lebensbedrohlichen Situationen.

  • Präsentationstag:
    30.05.2019 1 Kommentare
  • Autor:
    if/ktg
  • Sprecher:
    Ephraim Winges, Applikationsservice Bayer Vital GmbH
  • Quelle:
    100. Deutscher Röntgenkongress

Grundsätzlich muss jedes Implantat, das sich im oder am Leib eines Patienten befindet, vor einer MRT-Untersuchung auf MRT-Tauglichkeit geprüft werden. Das bedeutet oftmals einen enormen Rechercheaufwand, den MTRAs dennoch nicht unter den Tisch fallen lassen sollten. „Einhundert Untersuchungen gehen gut. Die einhundertunderste nicht“, warnte Ephraim Winges vom Applikationsservice der Bayer Vital GmbH.

Schließlich tragen MTRAs als Durchführer der Untersuchung eine Fürsorgepflicht und damit mindestens eine Teilverantwortung, sollte etwas schief gehen und die Patientin verletzt werden. Im Zweifelsfall sollten MTRAs eine Untersuchung vertagen oder komplett absagen. „Untersuchen Sie unklare Implantate nicht auf ‚Gut Glück’“, warnte Winges.

Heutzutage gibt es eine schwer überschaubare Bandbreite an Implantaten. Sie reicht von Gelenkprothesen über HNO-Implantate, Neurostimulatoren, Blutzuckersensoren, Stents und Herzschrittmachern bis hin zu Piercings und Mikrochips. Den Überblick zu bewahren und die Tauglichkeit von allen Geräten aller Hersteller zu kennen, ist schier unmöglich. Gewisse Hilfestellungen bieten hier Kennzeichen zur MRT-Sicherheit, die im besten Fall in den Bedienungsanweisungen des Implantats vermerkt sind. Ein grünes MR-Symbol bedeutet MR-Sicherheit, ein rot durchgestrichenes MR-Symbol steht für eine absolute Kontraindikation. MR in einem gelben Warndreieck bedeutet, dass die Untersuchung unter gewissen Bedingungen durchgeführt werden kann. Bei diesem Symbol müssen MTRAs genauer nachlesen und prüfen, ob das MRT-Gerät sowie seine Lage für die jeweilige Untersuchung unproblematisch sind.

Für einen groben Überblick stellte Winges einige gebräuchliche Implantat-Typen vor und diskutierte die Untersuchungsmöglichkeiten und Gefahren:

Herzschrittmacher

Zu den häufigsten medizinischen Implantaten zählen die Herzschrittmacher (HSM). Weltweit werden davon jedes Jahr rund eine Million neu implantiert. Während für HSM-Träger früher die MRT kontraindiziert war, gibt es heute verschiedene Fabrikate, die bedingt MRT-tauglich sind (MR im gelben Warndreieck). Die Hersteller stellen in solchen Fällen genaue Bedingungen, die bei der Untersuchung zwingend einzuhalten sind: So müssen MTRAs die maximal verträglichen Feldstärken und viele andere Parameter, wie die Spezifische Absorptionsrate (SAR), überprüfen, bevor die Untersuchung stattfinden darf. Informationen über den Hersteller erhalten MTRAs mittels klassischer Röntgenaufnahmen. Jeder Schrittmacher besitzt eine Prägung, die im Röntgenbild sichtbar ist.

Die große Gefahr bei HSM ist laut Winges nicht, dass das Gerät durch die Magnetwirkung aus dem Leib herausgerissen wird, sondern vielmehr, dass ein Magnetfeld die Schrittmacherfunktion stört. Denn HSM sind so fabriziert, dass sie von außen durch Auflegen eines Magnets gesteuert und sogar abgeschaltet werden können. Ohne medizinische Überwachung besteht daher während der Untersuchung Lebensgefahr für den Patienten. Problematisch kann auch die Elektrode sein, da sie wie eine Antenne wirken und das umgebende Herzgewebe erhitzen kann.

Event-Recorder

Für begrenzte Zeiträume können Patienten EKG-Geräte implantiert werden. Diese sind nicht größer als ein USB-Stick und zeichnen fortlaufend ein EKG auf. Zwar sind die Geräte größtenteils MRT-tauglich (Herstellerangaben dennoch prüfen), doch kann das Magnetfeld bei einer MRT Datenverluste verursachen. MTRAs sollten daher den Patienten im Vorfeld empfehlen, die Daten vor der Untersuchung auszulesen.

HNO-Implantate

Paukenröhrchen und Gehörimplantate müssen vor der Untersuchung genau identifiziert und die Herstellerangaben geprüft werden, da schwere Verletzungen des Mittel- und Innenohrs möglich sind. Jedes Gerät besitzt eine LOT- oder REF-Nummer, anhand der eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Diese ist im OP-Bericht vermerkt, den die Patientin zur Untersuchung mitbringen soll. Auch bei Cochlea-Implantaten ist dringend die Tauglichkeit anhand der Herstellerangaben zu prüfen. Um die Verschiebung des inneren Magneten zu verhindern, empfehlen einige Hersteller den äußeren Teil des Apparats durch einen Verband am Kopf zu fixieren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen würden nach einer MRT viele Patienten mit Cochlea-Implantaten – trotz ausgewiesener MRT-Tauglichkeit – über extreme Kopfschmerzen klagen. Winges empfahl daher, Nutzen und Risiko genau abzuwägen.

Gelenkersatz/ Endoprothesen

Auch wenn in der Bedienungsanleitung vieler MRT-Geräte Gelenksprothesen und Total-Endoprothesen als Kontraindikationen ausgewiesen sind, könne man bei den meisten modernen Fabrikaten von einer bedingten MRT-Tauglichkeit ausgehen, so Winges. Allerdings kann sich eine Prothese durch die HF-Energie an bestimmten Grenzflächen erwärmen. Nekrosen im Knochengewebe und frühzeitige Lockerung der Prothese sind im schlimmsten Fall das Resultat. Ein wichtiger Einflussfaktor für den Grad der Erwärmung ist die Prothesenlänge im Zusammenhang mit der Höhe der Hochfrequenz. Je länger der Prothesenarm ist, desto größer wird das Risiko einer Erwärmung. Daher können folgende Grenzwerte herangezogen werden:

  • 3T-Scanner: Prothesenlänge max. 7 cm
  • 1,5T-Scanner: Prothesenlänge max. 14 cm

Das Problem mit der Länge der Prothese betrifft auch Gefäßprothesen wie zum Beispiel Stents. Vorteilhaft sei hier, dass die Prothese durch den Blutfluss eine stetige Kühlung erfährt.

Medikamentenpflaster – Besser entfernen

Einige Medikamentenpflaster enthalten Silber- oder Aluminiumfolien, die sich im MRT durch das HF-Feld stark erwärmen können. Daher sollten solche Pflaster vorsichtshalber entfernt werden.

Tätowierungen – kaum Nebenwirkungen

Insbesondere in alten Tätowierungen können rote und schwarze Farbpartikel enthalten sein, die aus Eisenoxid bestehen. Sie können sich durch die HF-Energie erwärmen. Eine Studie mit 330 tätowierten Probanden, die eine MRT erhielten, hat jedoch bei der Mehrzahl keinerlei Nebenwirkungen festgestellt (Callaghan MF et al. NEJM 2019).

Spirale – mittlerweile als sicher eingestuft

Als nur bedingt MR-tauglich gelten IUT-Systeme, wie die klassische Kupfer- oder die Hormonspirale. Diese könnten sich bei der MR-Untersuchung erwärmen oder verschieben, so die allgemeine Vermutung. Diese Sorge hat sich allerdings bisher nicht bestätigt. Gemäß der aktuellen Studienlage würden Spiralen mittlerweile als sicher eingestuft, wie Winges erläuterte.

Aneurysma-Clips: Genau hinsehen

Aneurysmaclips sind keine grundsätzliche Kontraindikation! Patienten mit Clipversorgung müssen in regelmäßigen Abständen verlaufskontrolliert werden. Aus Strahlenschutzgründen wird das MRT verwendet.

Früher, bis ca. 1980, wurden magnetische Clips verwendet, die eine wirkliche Kontraindikation waren. Sie können lebensbedrohliche Folgen haben. Neue Clips sind MR-Tauglich – zumindest bis 1,5T.
 
Nur Clips, bei denen das Implantationsdatum unklar ist und keine OP-Berichte mehr verfügbar sind, sollten als absolute Kontraindikation behandelt und zum Schutz des Patienten abgelehnt werden.

Shunts – Vorsicht

Vorsicht ist auch bei zerebralen Shuntsystemen geboten, da sich der Ventilmechanismus durch einen Magnet steuern lässt. Hier sind daher wieder die Herstellerangaben unbedingt zu beachten. Zudem sollte der Patient nach der Untersuchung die Einstellungen des Shunts zeitnah prüfen lassen.

 

Referenzen

Callaghan MF et al.
Safety of Tattoos in Persons Undergoing MRI
N Engl J Med 2019;380:495-496

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