ETIM 2018: Sollten wir uns vor der Digitalisierung fürchten?

ETIM 2018: Sollten wir uns vor der Digitalisierung fürchten?

Die technische Entwicklung schreitet rasant voran. Richtig eingesetzt kann künstliche Intelligenz Ärzten eine große Chance bieten.

  • Datum:
    23.03.2018
  • Autor:
    ska/aca
  • Sprecher:
    Priv.-Doz. Dr. med. Felix Nensa
  • Quelle:
    ETIM 2018

Immer wieder ist die Rede davon, dass die fortschreitende Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) die Existenz ganzer Branchen gefährden können. Gerade auch Radiologen fürchten, dass die KI womöglich bald auch ihren Berufszweig ersetzlich machen könnte. Zeigen doch immer neuer Studien die Überlegenheit von Algorithmen bei der Befundung radiologischer Bilder. Privatdozent Dr. med. Felix Nensa, Oberarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Universitätsklinikums Essen, ging in seinem Vortrag beim ETIM-Kongress auf diese Befürchtung ein.

Zusammenarbeit von Mensch und Maschine

Anstatt eines Kampfes um die Vorherrschaft zwischen Mensch und Maschine malte er vielmehr ein Bild von deren Zusammenarbeit. Er betonte schon zu Beginn seines Vortrages, dass er nicht an Prognosen glaubt, die von einer Abschaffung von Radiologen sprechen. Professor Geoffrey Hinton, Informatiker, Kognitionspsychologe und bekannter Forscher auf dem Gebiet künstlicher neuronaler Netzwerke, hatte nämlich bei einer Konferenz im Jahr 2016 dafür plädiert, möglichst schon jetzt keine Radiologen mehr auszubilden. Nensa dagegen erklärte, dass er in seinem Vortrag aufzeigen möchte, weshalb er dieses Szenario für unwahrscheinlich hält.

Definition im Wandel

Zur Definition von KI erläuterte Nensa, dass sich diese immer auf den aktuellen Stand der Technologie bezieht. Während vor einigen Jahren noch Schachcomputer als KI gegolten haben, ist diese Ansicht Nensa zufolge mittlerweile überholt. Schließlich hat inzwischen jedes Smartphone die dafür erforderliche Rechenleistung. Aktuell gelten Projekte wie Libratus oder AlphaGo als KI. Libratus ist ein Pokerprogramm (Texas hold ’em), das deutlich besser abschneidet als menschliche Gegner. AlphaGo ist eine Software, die die besten Spieler im asiatischen Brettspiel Go geschlagen hat. „Trotz allem kann es sein, dass beide Programme in Zukunft nicht mehr als KI angesehen werden, wenn die technische Entwicklung voranschreitet“, sagte Nensa.

Rasante Entwicklung

Die technische Entwicklung vollzieht sich aktuell mit exponentieller Geschwindigkeit. Derzeit kann man sich mit 1.000 Dollar schon fast die Rechenleistung kaufen, die ein durchschnittliches Mausgehirn bietet. Setzt sich die Entwicklung mit der prognostizierten Geschwindigkeit fort, so ist zu erwarten, dass die für 1.000 Dollar erhältliche Rechenleistung bald der eines menschlichen Gehirns entspricht. Zeitgleich steigt auch die Speicherkapazität mit enormer Geschwindigkeit. „Es gibt ein bekanntes Schaubild, auf dem dargestellt ist, dass die Leistung von Maschinen die menschliche Leistung früher oder später übersteigen wird“, so Nensa. Die Frage ist nur, wann dies der Fall sein wird.

Fürchten muss sich nach Ansicht von Nensa vor dieser Entwicklung dennoch niemand. Als Beispiel wies er auf eine Studie hin, bei der Tauben in der Befundung von pathologischen und radiologischen Bildern trainiert worden sind. Dabei hatten sie eine höhere diagnostische Genauigkeit als menschliche Befunder gezeigt. Trotzdem fürchtet niemand, dass Tauben zukünftig die Arbeitsplätze von Pathologen oder Radiologen gefährden könnten. Für Algorithmen gilt das Gleiche. „Sie sind nützliche diagnostische Werkzeuge, die unter menschlicher Aufsicht gute Ergebnisse liefern können“, erklärte Nensa.

FAZIT

Für Radiologen biete die KI laut Nensa also eine große Chance. Schon jetzt ist die Radiologie das medizinische Fachgebiet, das sich am meisten mit elektronischer Datenverarbeitung beschäftigt. Daher sind Radiologen dafür prädestiniert, eine Schnittstelle zwischen Medizin und Data Science zu bilden und die KI in die Krankenhäuser zu bringen.

Radiologen wird sie zumindest auf mittelfristige Sicht nicht ersetzen. Vielmehr werden nach Ansicht von Nensa die Radiologen, die sich durch künstliche Intelligenz unterstützen lassen, künftig diejenigen Radiologen ersetzen, die das nicht tun.