Kindesmisshandlung - Bildgebende Diagnostik als Schlüssel zur Aufdeckung

Kindesmisshandlung - Bildgebende Diagnostik als Schlüssel zur Aufdeckung

Über 4.200 Opfer von Kindesmisshandlung verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2016. Rund 45 Prozent der betroffenen Kinder sind unter sechs Jahre alt. Experten gehen sogar von einer deutlich höheren Dunkelziffer.

  • Datum:
    19.09.2017
  • Autor:
    NN (mh/ktg)
  • Quelle:
    Deutsche Röntgengesellschaft e.V.
Bei der Aufdeckung einer Kindesmisshandlung kommt der Radiologie eine Schlüsselrolle zu. Darauf weist die Deutsche Röntgengesellschaft e.V. im Vorfeld 54. Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie in Köln hin. Denn meist können Diagnostiker erst mithilfe von Röntgen, MRT und CT beurteilen, ob die Verletzung eines Kindes durch Unfall oder Gewalt entstanden ist.

200.000 Fälle jährlich in Deutschland

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland mehr als 200.000 Kinder jedes Jahr Opfer von Gewalt durch Erwachsene werden. Die meisten Fälle von Gewalt gegen Kinder werden jedoch nie entdeckt. Knochenbrüche, Verbrennungen und blaue Flecke können sichtbare Zeichen einer schweren Kindesmisshandlung sein, doch nicht jede Misshandlung weist ein typisches und eindeutiges Verletzungsmuster auf und ist ohne Hinzuziehen eines Experten nur schwer von Schädigungen durch einen Unfall abgrenzbar. Versäumnisse und Unsicherheiten bei der Diagnose könnten jedoch schwerwiegende Konsequenzen haben – für das misshandelte Kind, aber auch für eventuell zu Unrecht beschuldigte Eltern.

Typische Traumata erkennen

Die Radiologen kommen in der Regel auf zwei Wegen bei der Aufklärung einer Kindesmisshandlung ins Spiel. Entweder hat der Kinderarzt bereits einen Verdacht geäußert und möchte diesen überprüfen lassen. Oder aber die Misshandlung wurde im Rahmen einer bildgebenden Untersuchung zufällig entdeckt. Gerade bei den Zufallsbefunden gibt es eindeutige Muster, bei denen Radiologen aufmerksam werden. Zu den typischen Verletzungen zählen Frakturen bei jungen Säuglingen, die sich noch nicht drehen können und bei denen deshalb ein Unfall, beispielsweise ein Sturz vom Wickeltisch, als Ursache unwahrscheinlich ist. Klassisch sind Rippenfrakturen oder Brüche der Extremitäten, sofern keine Krankheit bekannt ist, die Einfluss auf die Knochenstabilität hat. Rippenfrakturen deuten beispielsweise häufig auf ein bewusstes Zusammendrücken des Brustkorbs hin. Aber auch kleine, subtile Verletzungen wie Absprengungen von Kanten aus den Wachstumsregionen der Knochen können auf eine Misshandlung hindeuten.

Schädel-Hirn-Trauma

Neben den Frakturen sind es Verletzungen an Kopf und Gehirn, die auf eine Misshandlung hindeuten. Von allen Folgen körperlicher Gewalt gegen Kinder enden sie am ehesten tödlich oder mit bleibenden Behinderungen. Eine der häufigsten Folgen nach Misshandlung ist das Schütteltrauma, eine Form des Schädel-Hirn-Traumas. Das Schütteltrauma entsteht, wenn das Kind am Brustkorb gehalten und massiv geschüttelt wird, wobei der kindliche Kopf unkontrolliert Schleuderbewegungen ausgesetzt ist. Die Symptome, die in seiner Folge auftreten, sind für den Laien schwer zuzuordnen: Die Kinder sind schläfrig, geistig abwesend, sie erbrechen und bekommen Krampfanfälle. Erst in der Bildgebung, also bei einer MRT-, Ultraschall-, oder CT-Untersuchung des Kopfes zeigen sich Hirnverletzungen, die je nach Schwere des Schütteltraumas variieren. Häufig sind beispielsweise Subduralhämatome, also Blutergüsse unter der Hirnhaut, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben können und so auch einige Zeit nach dem Vorfall nachweisbar sind.

Beurteilung nur interdisziplinär

Das Urteil darüber, ob eine Kindesmisshandlung vorliegt, darf jedoch auch von einem Radiologen niemals alleine getroffen werden, sondern erfolgt immer in Abstimmung mit dem Kinderarzt oder einem Rechtsmediziner.