Onkologie: Auswirkungen von CoViD-19 und Wege zum Normalbetrieb

Onkologie: Auswirkungen von CoViD-19 und Wege zum Normalbetrieb

Die CoViD-19-Pandemie hat im Vereinigten Königreich zu deutlichen Defiziten in der onkologischen Diagnostik geführt. Die Auswirkungen schilderte Muntzer Mughal, Londoner Spezialist für Oberbauchchirurgie, im dritten Webinar des British Institute of Radiology zu CoViD-19 am 5. Juni 2020.

  • Präsentationstag:
    05.06.2020 0 Kommentare
  • Autor:
    mh/ktg
  • Sprecher:
    Muntzer Mughal, University College London Hospitals
  • Quelle:
    British Institute of Radiology – Webinar "COVID-19 IMAGING: PART 3"

Kein Screening, weniger Verdachtsfälle

Von allen Menschen, die im Vereinigten Königreich mit Krebsverdacht zur weiterführenden Diagnostik in die Klinik überwiesen werden, kommen sechs Prozent aufgrund eines auffälligen Screening-Befunds. Das Screening ist jedoch Pandemie-bedingt zum Erliegen gekommen.

Ein weiteres Drittel derjenigen, die mit Krebsverdacht in die Klinik überwiesen werden, kommt aufgrund einer dringlichen Überweisung ('Two Week Wait' Referral) durch ihren niedergelassenen Arzt/Ärztin. In den zehn Pandemie-Wochen ab Mitte März 2020 sind über dieses 'Two Week Wait Referral’ rund 290.000 weniger Verdachtsfälle in den Kliniken vorstellig geworden als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, sagte Mughal.

Kollateralschaden: Verzögerte Krebstherapien

Wie sich solche CoViD-19-bedingten Verzögerungen auf den onkologischen Outcome auswirken, haben Amid Sud et al. untersucht (Annals of Oncology 2020):

  • Eine dreimonatige Verzögerung bei Krebsoperationen (Cancer Stage 1-3) führt in England im Jahr zu etwa 4.700 sonst vermeidbaren Todesfällen.
  • Die Anzahl der durch eine drei- bis sechsmonatige Verzögerung verlorenen Lebensjahre variiert stark je nach Tumorart.
  • Die Überlebensrate ist nach einer OP-Verzögerung um sechs Monate um 30% geringer, bei drei Monaten Verzögerung um 17% geringer (PatientInnen mit Tumor an Lunge, Base, Ösophagus, Ovarien, Leber, Pankreas oder Magen und Cancer Stage 2-3).
  • Eine systematische Priorisierung der PatientInnen für Diagnostik und Operation kann die Zahl der Todesfälle verringern.

Phase 2: Versorgungsleistungen jenseits von CoVid-19 wieder hochfahren

Simon Stevens, der Chef des britischen National Health Service (NHS) hat am 29. April 2020 alle Einheiten des NHS dazu aufgerufen, die dringend erforderlichen Versorgungsleistungen jenseits von CoVid-19 möglichst schnell wieder anzufahren. Nötig dafür sind:

  • Überprüfung und Modifikation der klinischen Versorgungspfade für Diagnostik und Therapie.
  • Priorisierung der PatientInnen für die onkologische Therapie durch landesweit einzurichtende „Surgical Hubs“. Allein in London gibt es derzeit vier solcher Stellen, sie haben in den vergangenen sechs Wochen 2.750 Operationen in die Wege geleitet.
  • Datenerfassung der CoViD-bedingten Verzögerungen.

Aktuell weisen die Surgical Hubs die PatientInnen gleichermaßen den Einrichtungen des öffentlichen (NHS) wie des privaten Sektors zu. Die Priorisierung der Eingriffe erfolgt in virtuellen multidisziplinären Teamsitzungen. Vor einem Eingriff werden die PatientInnen telefonisch nach möglichen CoViD-19-Symptomen befragt. Sind solche vorhanden, muss der Patient / die Patientin sich präoperativ in eine 14-tägige Isolation begeben. 48 Stunden vor dem Eingriff erfolgt ein Rachenabstrich für die PCR-Diagnostik. Ist dieser negativ, wird operiert.

Von 500 urologischen Operationen erfolgten nur 15 (3%) bei CoViD-19-positiven Patienten. In keinem Fall kam es postoperativ zu einer CoViD-Pneumonie. „Das bestätigt die gute Arbeit der Surgical Hubs“, so Mughal. Auch die ChirurgInnen seien mit dem aktuellen Vorgehen zufrieden.

Aufgrund der erforderlichen Schutzmaßnahmen ist der Durchsatz an PatientInnen deutlich geringer als vor der Pandemie. Ab September/Oktober 2020 sieht das britische Modell aber bis zu 40% mehr onkologische Behandlungen vor als im sonstigen Mittel vor der Pandemie. Im Frühjahr 2021 könnte sich das Level onkologischer Diagnostik und Therapien weitgehend normalisiert haben.

Leistungsfähigkeit radiologischer Untersuchung mit Schutzausrüstung

Die erforderlichen Hygienemaßnahmen senken die Kapazitäten der bildgebenden Diagnostik spürbar. Von den vor-pandemischen Untersuchungszahlen leisten MRT noch 90%, Röntgen und PET noch 80%, Ultraschall 75%, CT 70% und Verfahren wie die Koloskopie nur noch 60%.

Um die Lücke zwischen benötigten und verfügbaren Kapazitäten wie geplant bis zum Frühjahr 2021 zu schließen, werden für PatientInnen mit CoViD-negativem Testergebnis eigene „CoViD-protected“ Standorte bereithalten. Realistisch müsse man hier aber wohl eher von „CoViD-light“ Standorten sprechen, sagte Mughal.

Wichtig sei es jetzt, das Vertrauen der PatientInnen in die Krankenhäuser wieder herstellen. Diese hätten derzeit noch große Angst vor Ansteckung mit SARS-CoV-2. Für den Fall einer zweiten Infektionswelle sollen Reservekapazitäten vorgesehen werden.

Mughal hob das große Engagement aller Beteiligten im gesamten Gesundheitssektor hervor: Es habe sich eine Krisenmentalität mit großer Leistungsbereitschaft entwickelt.

Klinische Entscheidungen wurden schneller getroffen, und auch die CoViD-assoziierte Forschung wurde enorm beschleunigt.

Ein echter Fortschritt sei die verstärkte Nutzung von Telemedizin, insbesondere die virtuellen multidisziplinären Teamsitzungen, die das Zusammenkommen von 20 Leuten in einem Raum überflüssig mache.

Aus dem Chat

Ob es angesichts der Engpässe eine Verschiebung von Operation hin zu mehr Chemotherapie gebe, konnte Mughal anhand der ihm vorliegenden Daten nicht beantworten.

Den onkologischen Patienten sei postoperativ eine zweiwöchige Isolationsphase zu empfehlen, damit sie nicht zusätzlich auch noch CoViD-19 akquirieren.

 

Referenz

Sud A et al.
Collateral damage: the impact on cancer outcomes of the COVID-19 pandemic
Annals of Oncology. Mai 2020

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